Auf nach Persien
- November 2021 -
Yerevan ist eine schöne Stadt und inzwischen finde ich mich in den Straßen ohne Navi zurecht. Aber das Ziel der Reise liegt noch in weiter Ferne und obwohl Iran seine Grenzen wieder geöffnet hat, ist der zweite Versuch hier ein Visum zu bekommen gescheitert. Ebenso das Unternehmen „Taxi to Kashmir“. Anke ist vor ein paar Tagen ausgestiegen, in ein Hostel gezogen und hat einen Flug nach Indien gebucht. Sie war genervt von der Warterei und hat befürchtet mit mir zu Weihnachten noch nicht in Kashmir bei ihrer großem Liebe zu sein.
Ich halte an der Reiseroute Iran – Pakistan – Kashmir fest, Alternativen sind entweder geschlossen oder gefährlich. Nun kann ich mir auch die Länder auf dem Weg in Ruhe anzuschauen. Und die beste Zeit zum Skifahren in Kaschmir ist Anfang Februar.
Meine letzte Hoffnung auf ein Visum ist eine iranische Agentur, die mir ein französischer Radreisende empfohlen hat. Bei meinem letzten Besuch der iranischen Botschaft hatte ich ihn nach dem Erhalt seines Visums angesprochen und gefragt, wie er es bekommen hat. Der Service kostet nur 20 € und ist einfach im Internet buchbar. Bis es kommt, vertreibe ich mir die Zeit mit Ausflügen rund um Yerevan.
kleine Bergwanderung
Ich lege eine kleine Wandertour über einen kleinen Gebirgszug ein, bade mit Reisefreunden in heissen Thermalquellen und besteige den höchsten Berg Armeniens.
Thermalquellen von Hankavan
Der Aragatz ist ein erloschener Vulkan, dessen Kraterrand aus vier Gipfeln zwischen 4090 und 3879 m besteht. Der Weg dort hin ist relativ einfach, da eine Straße zu einer ehemaligen Forschungsstation auf 3000 m führt. Da in den Bergen schon Schnee liegt, habe ich die Hoffnung, daß ich dort meine erste Skitour machen kann. Ich fahre am Abend bis zur Forschungsstation, oben weht ein bitterkalter Wind. Doch dank Standheizung brauche ich in der Nacht nicht frieren. Als die Sonne aufgeht, staune ich nicht schlecht. Neben mir ein riesen Bulldozer für den Straßenräumdienst, einige verlassene Häuser und eine Art Hotel mit bewohnbaren Blechschachtel auf Stelzen rundherum, vor mir ein zugefrorener See und der Gipfel.
Bulldozer und Aragaz-Gipfel
Forschungsstation mit Wohnbüchsen
Doch die erhoffte Skitour muss ich mir aus dem Kopf schlagen, dazu liegt zu wenig Schnee, überall schauen Steine heraus. Als ich nach dem Frühstück starten will, kommt ein Taxi aus dem Tal herauf und ein Jogger steigt neben mir aus. Er ist Student hier und möchte heute auf alle vier Gipfel. Einzeln hat er sie schon bestiegen... Er rennt gleich los in seinen Laufschuhen und ist bald nicht mehr zu sehen. In dem Tempo könnte er es schaffen, viel hat er nicht zu tragen! Meine Bergschuhe eignen sich nicht zum Joggen, ich bin aber froh sie zu tragen. Obwohl viele Steine aus dem Schnee heraus schauen, versinke ich oft bis übers Knie, was das Vorankommen sehr anstrengend macht. Nach 2 Stunden kommt mir der Student wieder entgegen. Er hat nur einen Gipfel geschafft. Mit dem Schnee waren die anderen Gipfel in Joggingschuhen nicht möglich. Irgendwann erreiche ich auch den Südgipfel und genieße die Aussicht.
Gipfelaussicht
Der Rückweg ist kaum weniger anstrengend und so bin ich froh erschopft und mitdurchnäßten Schuhen zurück beim Auto zu sein. Trinken, umziehen, essen
–
und als ich los fahre, beleuchtet die Abendsonne besonders schön den kleinen und großen Ararat, die mir den ganzen Tag aus der Ferne zugeschaut haben.
Ararat im Abendlicht
Im Tal checke ich meine E-mails und lese, daß ich mein Visum bei der Botschaft abholen kann. Also starte ich früh am nächsten Morgen zur iranischen Vertretung, die mich zum Zahlen erst mal quer durch die Stadt zur iranischen Bank schickt. Wieder zurück in der Botschaft begrüßt mich der Beamte mit den Worten „Welcome to Iran“ und händigt mir das lang ersehnte Visum aus.
Die Freude ist groß, endlich kann ich in das Land reisen, das ich schon lange mal sehen wollte. Ich habe Lust zu feiern, aber mit wem? Als Erstes fallen mir die Luxemburger ein, mit denen wir schon das ein oder andere Mal Yerevans Nachtleben und die armenischen Weine genossen haben...
Myriam und David
Sie sind gerade auf Sandras Campingplatz außerhalb der Stadt untergekommen, auf dem wir auch schon eine erholsame Woche verbracht hatten. Ich vereinbare ein Pizzaessen am Campingplatz und kaufe Zutaten ein. Zum Glück hat Sandra die Luxemburger noch aufgenommen, denn normalerweise hat sie schon Winterpause. Wir sind also die einzigen Gäste und haben die Gemeinschaftsküche für uns. Ich lasse meine Erfahrung im Pizzabacken spielen und kreiere unter tatkräftiger Unterstützung von David und Myriam ein schmackhaftes Mahl für uns 5, Sandra und ihr Mann Maty habe ich selbstverständlich auch eingeladen. Mit Wein und Musik wird es ein gelungener Abend und die Ankündigung der Luxemburger trägt zur guten Stimmung bei. Sie werden nun auch Iran-Visa beantragen und mir folgen. Wir sehen uns also bald wieder.
auf dem Weg zum Campingplatz in Gocht
Am nächsten Abend ist ein Treffen mit Anke vereinbart, an dem sie mir die letzten Reisedokumente vom Auto gibt. Sie lädt dazu auch alle Reisebekanntschaften ein, die gerade in der Nähe sind. Einige davon wollen auch in den Iran. Sie freuen sich für mich, wünschen mir alles Gute und ein Wiedersehen.
Ich halte mich beim Feiern zurück, da ich am nächsten Morgen einen PCR-Test machen muss und bis zur iranischen Grenze fahren will. Ich möchte jetzt so schnell wie möglich in den Iran.
Der Test am nächsten Morgen ist schnell gemacht. Ich tanke nochmal voll
und starte durch Richtung Osten.
Der Ararat grüßt ein letztes Mal
Der Ararat grüßt rüber aus der Türkei und vor mir schlängelt sich die Straße durch die armenischen Berge. Es geht über Pässe und durch Schluchten, die Landschaften sind wunderschön. Ich muss immer wieder anhalten zum Fotografieren.
Durch Schluchten ...
... und über Pässe
Armenisches Hochland
Kloster von Tatev
Ich bleibe aber nie lang stehen, die Grenzstadt Meghri möchte ich noch vor Sonnenuntergang erreichen. In bester armenischer Fahrweise überhole ich die zahlreichen Lkws , die sich im Schneckentempo die Pässe rauf quälen. Ich bin froh einem Mercedes AMG folgen zu können, der die Strecke offenbar kennt und weiß, wo es Überholmöglichkeiten gibt. So schaffe ich es vor Einbruch der Dunkelheit nach Meghri.
Letzter Pass vor der Grenze
Dort gehe ich etwas essen und sehe plötzlich ein bekanntes Gesicht. Der Radreisende, der mir den Tipp mit der Agentur gegeben hat, kommt zur Tür herein und erkennt mich ebenfalls wieder. Wir quatschen und essen zusammen. Martin ist ein französischer Student und von Paris nach Teheran unterwegs. Er ist kurz nachdem wir uns bei der Botschaft gesehen haben, los gefahren und ebenfalls heute angekommen. Er hat eine Woche hierher gebraucht und ich einen Tag. Ich lade ihn als Dank für den Tipp zum Essen ein und bekomme noch einen, diesmal für einen Schlafplatz.
Obwohl der Schlafplatz ruhig und dunkel ist, schlafe ich schlecht und wache früh auf. Ich bin etwas nervös so kurz vor dem Grenzübertritt. Nach dem Frühstück sortiere ich meine Sachen, packe alles drei mal hin und her, will sicher sein für die Grenze alles griffbereit zu habe.
Schlafplatz in Meghri
Dann bin ich bereit und fahre los. Am Ortsende prangt neben der Straße ein hoher und dichter Stacheldrahtzaun, gleich dahinter fließt ein Fluss. Auf der anderen Seite ist schon Iran.
Hinter dem Stacheldraht ist Iran
Am Grenzübergang angekommen, bin ich erst mal verunsichert, wo die richtige Einfahrt, der zuständige Posten ist, Beschilderung gibt es keine. Doch die armenischen Grenzer sind freundlich und helfen mir mit kurzen englischen Anweisungen durch die Prozedur. Dabei ist das wichtigste Dokument das Straßensteuer-Formular von der Einreise, ohne das keine Ausreise möglich ist.
Das war aber einfach - dachte ich. Doch die armenische Seite der Grenze ist dreifach. In der Mitte ein Hauptgebäude, davor und dahinter jeweils Ein- und Ausfahrt. Und überall werden die Papiere kontrolliert. Endlich bei der Ausfahrt angekommen und die iranische Grenze schon im Blick, stellt der Grenzbeamte fest, daß ich irgendwo in Armenien geblitzt wurde und Strafe zahlen muss. Das geht aber nur im Hauptgebäude, also nochmal zurück – zu Fuß. Bei dem ganzen Hin und Her und vor lauter Aufregung hab ich plötzlich meinen Pass nicht mehr gefunden, auch nicht im Auto. Panik! Tief durchatmen und überlegen! Keine Idee. Alle Taschen kontrollieren! Nix. Ah, doch! In der Innentasche der Jacke hab ich ihn zu gut weg gesteckt. Puh!
Also weiter zur iranischen Grenze. Dort gibt es noch mehr Gebäude und die Lkws fahren laut aufheulend und reichlich Ruß produzierend kreuz und quer. Ein System ist nicht erkennbar. Aber auch hier sind die Grenzer freundlich und hilfsbereit. Oft werde ich zum nächsten Gebäude begleitet.
Echte Probleme gibt es erst mit dem Carnet de Passage, da heute Freitag ist, also der iranische Sonntag, und das zuständige Büro nicht besetzt. Schließlich findet sich doch jemand, der Wochenenddienst hat und weiß, wie das Carnet ausgefüllt und gestempelt werden muss. Am Ausgangs-Gate ein letzter Check, dann öffnet der Beamte die Schranke und ruft mir zu „Welcome to Iran“. Geschafft! Drei ein halb Stunden für einen Grenzübertritt!