Überraschend anders

- November 2021 -

Auf der iranischen Seite der Grenze gibt es eine Wechselstube. Hier will ich erst mal ein paar Euro in die Landeswährung Rial tauschen, um tanken und einkaufen zu können. Geld vom Automaten abheben funktioniert im Iran mit internationalen Geldkarten nicht, da auf Grund von Sanktionen iranische Banken nicht ans internationale Bankensystem angeschlossen sind.

Da Freitag ist, hat auch die Wechselstube geschlossen. Gut, dass mein Tank noch halb voll ist. Denn ich habe in Tabriz ein Hotel gebucht – das war fürs Visum notwendig – und bis dort sind es noch gut 3 Stunden Fahrt.

Also mache ich mich auf den Weg und schon geht es den ersten Pass hinauf in die Berge. Die Landschaft ist sehr beeindruckend. Irgendwie sehen die Berge hier anders aus, sehr zerklüftet und kahl, was vielleicht auch an der Jahreszeit liegt. In verschiedene Brauntönen strecken sie sich weit in den stahlblauen Himmel. 

Der erste iranische Pass

kahle Berge

Nach fast jeder der zahlreichen Kurven eine neue faszinierende Ansicht. Nach der Passhöhe dann ein weites steiniges Tal und dahinter eine sanft geschwungene Bergkette, die in ihrer Kargheit aussieht, wie riesige aufgeschüttete Sandhaufen. 

steiniges Tal

sanfte Berge

Ich komme vor lauter Fotografieren kaum voran. Die Autos, die dabei an mir vorbei fahren, werden sehr langsam und die Insassen winken und grüßen freundlich. Manche bleiben stehen und fragen, woher ich komme. Bei „Germany“ glänzen ihre Augen und sie heißen mich überschwänglich willkommen. Es tut gut, das in der Fremde zu hören.

Die Straßen sind sehr holperig, aber bei dem kurvenreichen Streckenverlauf gut fahrbar. Plötzlich führt mich das Navi auf eine Schotterstraße. Ich folge der angegebenen schnellsten Route. Ohne Internetverbindung – ich habe noch keine iranische SIM-Karte – muss ich mich auf die vorher runter geladenen Route verlassen. Keine Zeit für Experimente, es ist schon später Nachmittag. 

Schotterstrecke

20 km lang wird mein Auto samt Inhalt und mir kräftig durchgeschüttelt. Alles vibriert und was nicht befestigt ist, sucht sich einen neuen Platz im Fahrzeug. Der nächste Pass bringt die Erlösung, er ist asphaltiert und führt bis über die Schneegrenze. Der eisige Wind verkürzt den aussichtsreichen Fotostopp auf das Wesentliche. Von hier ist in weiter Ferne bereits das über 5600 m hohe Elburs-Gebirge am Kaspischen Meer zu sehen.

Elburs am Horizont

Bis Tabriz geht es jetzt nur noch bergab. Neben der Straße erstrecken sich zahlreiche Felder, momentan im herbstlichen Ocker. Es lässt sich jedoch erahnen, wie grün es hier im Frühling und Sommer sein muss. Kurz vor Tabriz versinkt am Horizont die glutrote Sonne im Dunst der weiten staubigen Ebene und ich erreiche mein Hotel bei Einbruch der Dunkelheit.

Das Auto kann ich sicher im Innenhof parken und ich freue mich auf eine Dusche und eine ruhige Nacht nach einem Tag voller neuer Eindrücke. Ich bin total beeindruckt von der Landschaft und freue mich auf das, was mich die nächsten Wochen erwartet.

Die Grundbedürfnisse Schlafen und Essen sind nach dem Frühstück am nächsten Morgen erstmal gedeckt. Die zweite Bedürfniskategorie für den modernen Selbstreisenden besteht aus Geld, SIM-Karte und Sprit, was in jedem neuen Land die ersten Erledigungen sind und durch fremde Sprache, unbekannte Schrift, andere Traditionen und ungeschriebene Verkehrsregeln sehr abenteuerlich sein kann – besonders im Iran, so viel vorweg!

Der Portier schickt mich zum Geldwechseln auf den Basar, bzw. auf einen Platz vor dem Bazar und verweist auf die Straßenhändler dort. Also nehme ich das Radl vom Auto und starte Richtung Innenstadt in der Hoffnung, damit schneller zu sein im dichten Stadtverkehr. Tabriz hat 1,5 Mio Einwohner und gefühlt die Hälfte davon sind in der Innenstadt unterwegs. Gestern war auf den Landstraßen nicht viel los, dafür hier um so mehr. Fahrbahnmarkierungen werden nicht beachtet, wo Platz ist, wird gefahren bzw. gestaut. Abstände bewegen sich im Zentimeterbereich. Mit dem Rad kein Durchkommen, mir bleiben nur die Bürgersteige oder die Busspur. Auf dem Trottoir gefährdet das bei der Enge die Fußgänger, zwischen den Bussen bin ich das Opfer, denn die Zentimeterregel wird von den Busfahrern unterboten und fühle mich wie der Hase unter den Igeln! Nach diesem Frühsport komme ich eine Erfahrung reicher aber unverletzt am Platz vor dem Bazar an. Bevor ich das Rad anschließen kann, spricht mich schon der erste Händler an. Mit seinem Dreitagebart und seinen leicht zerschlissenen Klamotten sieht er etwas verwegen aus. Das dicke Geldbündel mit alten, fast unleserlichen Scheinen, das er in der Hand hält und gekonnt in Windeseile hin und her zählt, während er mir sein Angebot macht, erwecken auch kein Vertrauen in einem Deutschen. Er drückt mir den Stapel in die Hand, den er mir für 50 Euro überlassen will. Ich sehe verschiedene Scheine, jedoch alle mir dem gleichen Wert. Auf einigen steht sogar Cheque drauf. Ich bin verunsichert und gebe ihm den Stapel zurück, was ihn veranlasst sein Angebot zu erhöhen. Aber ich bin zu unsicher, um darauf einzugehen und suche die Ladenzeile mit den Wechselstuben im Bazar. Dort sind wenigstens die Wechselkurse auf einem Display angeschrieben. Da der offizielle Wechselkurs aufgrund des Embargos nirgends gehandelt wird, gibt es einen Richtwert für den Wechsel von Devisen auf dem freien iranischen Markt, der auch im Internet veröffentlicht wird. Aber eben nur ein Richtwert, der flexibel gehandhabt wird.

Während im iran üblicherweise mit „Salaam“ gegrüßt wird, höre ich hier nur den Gruß „Dollar?“. Die Wechselstuben schon in Reichweite macht mir ein freundlicher Junger Mann, der mir vertrauenswürdig erscheint und Amir heißt, ein Angebot nahe am Richtwert. Ich willige ein und er muss sich bei seinen Mitbewerbern erst mal den angebotenen Betrag zusammen leihen. Der Konkurrenzgedanke scheint hier nicht sehr ausgeprägt, im Gegenteil, man hilft sich gegenseitig und der Wechsel klappt reibungslos. Da er gut Englisch spricht, frage ich ihn beim Abschied nach einem Mobilfunkgeschäft, in dem ich eine SIM-Karte bekommen kann. „Yes, follow me.“ und rennt los. Nach ein paar Ecken betreten wir einen kleinen Laden. Er fragt nach meinem Pass, händigt ihn der Dame hinterm Tresen aus und bestellt, was ich brauche. Leider kann sie keine SIM-Karte für Ausländer beantragen und schickt mich in die Zentrale außerhalb vom Stadtzentrum. Amir setzt mich ins nächste Taxi und weist den Taxifahrer an, wo es hin geht und verabschiedet sich. Das heruntergekommene Taxi knattert durch die Stadt, bis wir vor einem großen Bürogebäude stehen. Der Fahrer deutet auf die Glastür, die von einem Sicherheitsmann in Uniform bewacht wird. Dieser nimmt mich in Empfang und führt mich zum Kundenschalter. Hier bekomme ich nach ein paar Minuten und freundlichen Anweisungen zur Nutzung die SIM-Karte und bin von da an für 30 Tage im Iran online. Draußen wartet noch mein Taxifahrer und bringt mich zurück zum Bazar. Der Fahrservice kostet nicht mal 2 Euro.

Ich gehe in den Bazar und lasse mich treiben, schaue und staune, rieche und genieße. Das funktioniert trotz der vielen Menschen sehr gut. Ich werde zwar als Europäer erkannt und gegrüßt, aber niemand versucht mir etwas anzudrehen. Zahllose Gänge und Abzweigungen, alles steht dicht an dicht. Die Händler bieten ähnliche Waren an, wie ihre Nachbarn, so ergibt sich ein geordnetes Chaos von Bazar-Fachabteilungen. Ein typisch orientalischer Bazar in traditionellen Gebäuden, geprägt durch die Spitzbögen, die die Dächer stützen und an Kreuzungen hohe Hallen mit schön verzierten Kuppeln bilden, in denen sie sich in immer kleinere Spitzbögen unterteilen und dadurch ein endloses Spiel aus Licht und Schatten, Farbe und Form entsteht.

Am Nachmittag beginnt ein Geschäft nach dem anderen die Läden zu schließen. Mir knurrt der Magen und ich schaue nach der Restaurant-Abteilung Ausschau, ohne Erfolg. Mir sind bis jetzt hier im Basar noch nicht mal kleine Essensstände aufgefallen, die es außerhalb reichlich gibt. Also suche ich einen Ausgang, was im größten überdachten Bazar das Landes nicht so einfach ist. Plötzlich spricht mich ein junger Iraner in bestem Englisch an. Ich fürchte, jetzt will mir doch jemand was andrehen. Er stellt sich mit Reza vor und freut sich nach 2 Jahren geschlossener Grenzen wieder einen Europäer zu sehen, denn er ist sprachbegeistert und redet gerne. Reza fragt, wo ich hin will. Meine Restaurantsuche findet er scheinbar amüsant, er lacht laut und sagt: "Davon gibt es im Bazar nicht viele, aber ich habe hier einen Kebap-Laden. Eigentlich ist schon zu, aber ich mache Dir noch was. Komm mit!" Jetzt lache ich auch.

Um zwei Ecken ist zwischen zwei Ständen der schmale Kebap-Laden von Rezas Familie leicht zu übersehen. Drinnen stellt er mich seinem Vater und 2 Angestellten vor, die gerade mir Aufräumen beschäftigt sind. Sie begrüßen mich freundlich und Reza beginnt gleich mir einen Fleischspieß zuzubereiten. Alles frisch, sogar das Brot wir hier im Ofen auf Flusskieselsteinen gebacken. Es schmeckt fantastisch. Ich verabrede mich mit Reza für den Abend. Er will mir den Bazar zeigen, wenn die Läden wieder geöffnet haben.