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H A F I Z

TAXI NACH KASHMIR

Das bin ich, ein Taxi mit Leib und Seele, wenn ich das als Auto so schreiben darf. Was denkst Du jetzt? Ein schreibendes Auto ist verrückt! Ja, ganz normal ist das nicht, wenn man über Land mal eben nach Kashmir fährt. Aber da sind wir schon zu dritt: Mein Besitzer, unsere liebe Reisegefährtin und ich.


Nachdem ich im Jahr 2000 vom Band lief, war ich die ersten Jahre in Hamburg als kommerzielles Taxi unterwegs, habe Menschen aus der ganzen Welt von A nach B gebracht und dabei viele spannende Geschichten gehört. Die meisten nur kurz, aber lang genug, um mein Interesse für fremde Länder zu wecken. 

Irgendwie bin ich dann nach Bayern gekommen und habe einige Jahre auf einem Bauernhof als Familienkutsche gedient. Als mein Besitzer wechselte und der gleich hinten die Sitze aus und ein Bett eingebaut hat, habe ich schon geahnt, dass meine Reiselust auf meine alten Tage noch befriedigt wird. Wir haben schon viele schöne Touren unternommen, aber das Ziel war noch nie so weit, so exotisch. An dem besagten Wochenende im Harz, als diese Reise beschlossen wurde, hatte ich über die Durchführung noch meine Zweifel, aber jetzt sind wir schon ganz im Osten der Türkei. Ich fühle mich fit und es macht riesigen Spaß. 

Als die Fähre in Karasu landete, bin ich erstmal allein im Schiff zurückgeblieben und meine Weggefährten gingen mit der Polizei von Bord, es gab wohl Probleme mit den Pässen. Das löste sich plötzlich in Luft auf und die zunächst strengen Zöllner entschuldigten sich mehrfach für die Umstände und wünschten uns eine gute und sichere Reise. 






Die türkische Flagge mit dem schönen Mondstern (Ayyıldız) ist fast überall zu sehen.


Das erste Ziel war nicht weit, eine kleine Hafenstadt an der Schwarzmeerküste. Einfach mal, um auf dem asiatischen Kontinent anzukommen, die Füße in den warmen Sand zu stecken und den Geruch von erntefrischen Früchten zu genießen …



 


Frühstück = Extra Gepäck


Am nächsten Morgen gab es ein opulentes Frühstück – die beiden waren wesentlich schwerer, als sie einstiegen – und wir fuhren in die nächste Werkstatt mit Carglass-Service. Ich hatte mir bei einem Höllenritt durch Odessa, der notwendig war, um rechtzeitig am Fährticketschalter zu sein, einen Steinschlag in der Windschutzscheibe eingefangen. Die Werkstattsuche gestaltet sich schwierig, trotz Navi und genauer Adresse ist die eine unter hunderten, dicht nebeneinander gedrängten kleinen Garagen-Werkstätten nicht auffindbar. Da hilft nur eins: Fragen! Begrüßen auf Türkisch geht noch gerade, aber dann fehlt‘s. Die Angesprochenen sind sehr bemüht, haben auch verstanden was wir suchen, sprechen aber nichts, was wir verstehen. Mit ausladenden Handzeichen unterstreichen sie ihre Wegbeschreibung. Meine Insassen versuchen das gleiche, es sieht aus wie bei der ersten Lehrstunde in Gebärdensprache. Schließlich steigt ein Türke ins Auto, winkt uns heran und fährt vor. Nach knapp 100 Metern haben wir die Werkstatt erreicht. Dort spricht der Mechaniker glücklicherweise Englisch und erklärt, dass er nur die ganze Scheibe austauschen kann, dies aber nicht notwendig sei. Der Einschlag in der Scheibe ist unkritisch und nur die deutsche Polizei habe ein Problem mit solchen Kleinigkeiten … 

Die vehemente Einladung zum Tee kann nicht ausgeschlagen werden, wir revanchieren uns mit Karamellbonbons und starten gut gelaunt ins Land der nicht ganz so strengen Verkehrsregeln.


Wir folgen dem Tipp von Deniz, dem Lkw-Fahrer, und meiden die mautpflichtige Autobahn, nehmen die vierspurigen Schnellstraßen. Die Qualität entspricht deutschem Standard, alles andere nicht. Es gibt Zebrastreifen und Kreisverkehre. Die Fahrbahnen werden von Fußgänger, Radfahrer, Pferdekarren, Vieh, Traktoren, Lkws und Pkws gleichzeitig genutzt. Vorsicht ist also geboten! Bei einer Steigung kam uns sogar mal in einer Kurve ein 40-Tonner im Rückwärtsgang entgegen. Er musste wohl nochmal Schwung holen …



 

 



 

 


Im Türkischen scheint es kein Wort für Geschwindigkeitsbeschränkung zu geben. Weder 90er, 70er oder 50er Schilder in Ortschaften veranlassen die Einheimischen den Fuß vom Gas zu nehmen. Auch nicht die mehrfach gesichteten 82er Schilder (wahrscheinlich die statistisch errechnete Durchschnittsgeschwindigkeit aller Verkehrsteilnehmer, incl. Fußgänger?!) hatten eine Wirkung. Und die zahlreichen Pappkameraden im Polizisten-und-deren-Autos-Design am Straßenrand regen höchstens zum Schmunzeln an. 

Der Geschwindigkeitsrausch kommt uns entgegen, ich fresse die Kilometer Richtung Osten, die uns durch die ausgefallene Fähre nach Georgien zusätzlich bevorstehen, bis ich abends papp satt bin.


Der Polizei ist das dann auch irgendwann aufgefallen. Ja, es gibt sie auch in Echt! Bei einer Kontrolle winken sie uns raus, wollen alle Papiere sehen und Florian wird ins provisorische Verhör-Zelt gebeten. Es wird viel gefunkt, getippt und ausgedruckt. Das Knöllchen mit meinem Kennzeichen drauf verbleibt aber an der Druckpapierrolle und per Handzeichen gibt der Wachmann zu verstehen: Diesmal kostet es nichts, aber bitte langsamer fahren! Und das ganz ohne Bestechung mit Karamellbonbons …

Polizeikontrollen erleben wir oft auch nachts, wenn wir irgendwo wild campen. Sie leuchten dann mit Taschenlampen durchs Fenster, fragen nach oder checken unsere Papiere, sind aber sehr freundlich sobald sie merken, dass wir Touristen sind und wünschen eine gute Nacht.




Den besten Mokka gab es in Gerede.


Unser nächstes Ziel, Ostanatolien und der Van See, rücken also schnell näher. Wir machten lediglich Halt zur Nachtruhe in Gerede, Amasya und Erzurum. In Amasya ist sogar Zeit zur Besichtigung der Altstadt, kleine schöne Fachwerkhäuser über dem Fluss – nachts farbig illuminiert, sowie der Burgruine und in den Felsen gehauene Fürstengräber.

Amasya – von unten … 

… und von oben. 


Sultan Beyazit Moschee 


Sie ist eine Schönheit, allein schon wegen ihrer Deckenmalereien. 

Diese Platane ist 572 Jahre alt. 

Platanus Orientalis – hier heißt sie Çinar.


Palandöken, das Skigebiet von Erzurum, haben wir uns noch ohne Schnee angeschaut und uns beim Blick von oben über die mitten in die Einöde gesetzte Großstadt mit Unis und zahlreichen Wintersportstätten gewundert. 2017 hat hier immerhin die Winter-Olympiade der Jugend stattgefunden.


Der Koloss von Erzurum


Willkommen am Palandöken


Die Lifte gehen auf knapp 3.200 Meter.


Die Landschaften, die an uns vorbeifliegen, sind atemberaubend. Einerseits wird die Luft auf den bis zu 2.500 m hohen Pässen dünn, dass mein Turbolader ordentlich pfeift. Andererseits ist die Weite der spärlich bewachsenen Hügel und Gebirgsketten, die im Kontrast zu den üppig grünen und jetzt im Herbst bunten, tief eingeschnittenen Flusstälern steht, ein faszinierender Anblick.



Der Süphan Dağı ist 4.058 Meter hoch, er liegt am Nordufer des Van Sees.


Bei den notwendigen Stopps zur Sprit- und Nahrungsaufnahme, die wir besonders gerne bei den vielen kleinen Ständen am Straßenrand (auch an der Schnellstraße) machen, begegnen uns immer fröhliche Menschen, die uns in ihrem Land willkommen heißen und gerne zum Tee einladen. Es wäre spannend uns all ihre Geschichten anzuhören. Die Sprachbarriere ist meist nicht groß, denn viele sprechen ein paar Worte Deutsch, weil irgendein Verwandter in Deutschland ist oder war. Doch uns drängt es zum Van See, der zu seiner Größe kam (7 mal Bodensee), als der Vulkan Nemrut ausbrach und den Abfluss versperrte. Bis heute gibt es keinen Abfluss, doch die Verdunstungsmenge und die Zufluss-Menge sind im Gleichgewicht. Das aus dem Vulkangestein ausgewaschene Soda hat sich im Laufe der Zeit im See angereichert. Das Wasser ist nicht trinkbar, dafür braucht man zum Wäsche waschen kein Waschmittel. 

Auf dem Weg dorthin halten wir in Ahlat an einem uralten Friedhof aus der Zeit der Seldschuken und Osmanen mit hunderten von Gräbern und in Schichten zu einem Hügel aufgetürmt, die bei Sonnenuntergang besonders beeindruckend an unser Werden und Vergehen erinnern.


Der älteste erhaltene Gonbad ist aus dem Jahr 1222


Die Gräber sind aus der Zeit zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert.

 


In Tatvan darf ich mich erstmal erholen, die beiden haben mal wieder eine Dusche nötig – und der Herr einen Barbier. 

Am nächsten Tag schwingen sich meine Reisegefährten auf die Fahrräder. Als sie wieder kommen, schwärmen sie vom See, der sich dank Soda und Sonnenschein in tiefdunklem Azur zeigt, dass von herbstlich goldgelben Ufern in obstbaumbesetzten Buchten farblich noch verstärkt wird und an neuseeländische Küsten erinnert. Unterwegs werden sie mit frisch geernteten Walnüssen reichlich beschenkt. Später müssen sie vor zwei vom Hügel herab preschenden, zähnefletschenden Hunden (anatolische Kangals) fliehen. Nach kurzer Verfolgung fällt die Chancenauswertung der Jäger negativ aus, dank Adrenalin-unterstützter Fitness der vermeintlichen Beute auf leicht abschüssiger Straße … Der glückliche Ausgang der schönen Tour wird mit einem Feierabend-Bier an der Seepromenade gefeiert.



 


Dann darf ich meine Fitness beweisen. Früh morgens fahren wir gemeinsam auf den über 3000 m hohen Vulkan Nemrut. Er ist zum Glück erloschen und sein 7 km breiter Krater mit Straßen durchzogen. So gelangen wir trotz dünner Luft schnell zu den beiden Kraterseen, wovon einer kalt und der andere warm ist. Im Gegensatz zu den Bergflanken herrscht im Krater ein gutes Wachstumsklima und die Wälder erstrahlen zurzeit in allen Farben. Wir staunen Bauklötze auf 2300 m Höhe. Hier oben ist es fast menschenleer, trotzdem treffen wir zufällig eine Braunschweiger Familie türkischer Abstammung. Sie verraten uns Details über den Vulkan und führen uns zu einer kleinen Höhle, aus der heißer Dampf austritt. Er brodelt also doch noch, da irgendwo tief unten. Beim Abschied bieten sie uns noch ihre Handynummer an, für den Fall, dass wir Hilfe brauchen. Wir lehnen dankend ab, denn an Hilfsbereitschaft mangelt es hier nirgends, aber wir versprechen uns in Deutschland wiederzusehen – Inşallah.





Der Van ist der größte See in der Türkei.

 


Ein Ort zum Innehalten.


Der eine kalt, der andere warm.


Um wieder ins Tal zu gelangen, wählen wir die Alternativ-Route. Die Windhosen im Tal, die wir vom Kraterrand aus gut sehen können, nehmen wir unbesorgt als Naturschauspiel wahr. Später fliegt uns der Staub von den trockenen Feldern von Wind und Reifen aufgewirbelt nur so um die Ohren. Ich sehe aus wie ein tarnfarbenes Wüstenfahrzeug, sogar von Innen! Doch der Weg hatte auch sein Gute in Form von frisch geernteten Kartoffeln, die vom Erntewagen auf den Wegesrand gefallen waren und in die Essenskiste wanderten.


Kleine Windhosen am späten Mittag.


Uns zieht es wieder zum Wasser und wir beschließen den See zu umrunden. Die armenische Kirche zum Heiligen Kreuz auf der Insel Akdamar wollen wir uns genauer ansehen. Ich vom Ufer aus, es gibt nur eine Personenfähre. 



 

 

 

 


Die Kirche ist der Rest eines im Jahre 921 fertig gestellten Zweitwohnsitzes des damaligen Königs, der in Van residierte. Einem prächtigen Palast mit Terrassen und Gärten schloss sich eine ganze Stadt an. Die Außenwände der Kirche sind reich mit Reliefs biblischer Geschichten verziert. Außerdem findet man dort 30 Tierarten, die heute teilweise ausgestorben sind. Die großartige Architektur der nur 19 m hohen Kirche wird im Inneren deutlich, wo die Kuppel mindestens doppelt so hoch wirkt.


Zurück auf der Uferstraße sehen wir wenig später in einer Bucht türkisfarbenes Wasser und weißen Strand. Wieder bin ich außen vor, die kleine Schotterstraße dorthin endet in einem Feld. Doch zu entdecken gab es keine Südseekaribik, sondern nur weiße Soda-Ablagerungen in einer Flachwasserzone, fast schöner anzuschauen von der erhöhten Straße aus.



 


Der Boden ist trocken und alkalisch.

Im

Frühjahr sieht man mehr als 300 Vogelarten, die auf ihrer Durchreise hier rasten. 

Bevor unsere Reise in den naheliegenden Iran führt, müssen wir nochmal zurück Richtung Westen in die Stadt Trabzon an der Schwarzmeerküste. Hier werden die Visa bearbeitet für die zwei Menschen von uns Dreien. Mein Carnet de Passsage gilt zum Glück für alle Länder unserer Tour, Visa müssen einzeln beantragt werden und die Bedingungen variieren von Land zu Land und von Zeit zu Zeit, gerade pandemiebedingt.


Nach einem Stadtbummel in Van gibt es zum Abendessen Königsberger Klopse aus dem Einmachglas mit selbst aufgesammelten Kartoffeln, serviert am Seeufer bei Sonnenuntergang.



Die letzte Nacht am See.


Gestärkt reiten wir am nächsten Morgen im Galopp Richtung Trabzon, sehen im Vorbeifahren den ersten Schnee in Palandöken und erreichen am nächsten Tag Trabzon.


Wir haben noch zehn Stunden Fahrt vor uns …


… und genießen die letzten Eindrücke.


Dann geht es wieder auf die Straße …


… mit Rekordhöhe über die Pässe, Rakim sind die Höhenmeter.

 


Ein Traum in Asphalt

Schneeberge bei Erzurum

Die iranische Botschaft hat noch nichts für uns, die Stadt ist zu eng für geeignete Stellplätze und das Hotel, in dem wir Ruhe suchen, hat die gleiche akustische Resonanz, wie der nahegelegene quirlige Hauptplatz. Nachdem die Botschaft die Antragsteller auf Montag vertröstet, ziehen wir um auf einen Campingplatz ins nahegelegene Maçka-Tal. Weit hinten im Tal ist hier das berühmte Sumela-Kloster, dass in bester Tibet-Manier hoch am Felsen hängt und früher absolute Abgeschiedenheit garantierte. Heute als Touristenmagnet entdeckt und mit breiter Straße und Busservice leicht erreichbar, ist es ein lauter Instagramspot mit Ausflugslokal.


Baumschutzsatzung


Almabtrieb

 


Das Kloster schmiegt sich in den Hang.



 


Geduldig auf die Visa wartend, hängen wir auf unserem Campingplatz ab, ich werde geputzt, gelüftet und geschont. Dafür laufen die Laptops heiß für E-Mails, Reisevorbereitungen, Jobs und Reiseblog!